Adler und Schlange

 

Ich kreise wie der Condor über mir selbst. Sehe die ganze Welt und mich. Meine Flügel reichen einmal um die Erde herum und bei einem Flügelschlag weit ins Universum raus. Ich weiß dort oben was ich hier unten nur ahnen kann. Ich weiß, dass ich der Condor bin. Ich weiß, dass ich der Mensch bin. Ich weiß, dass ich die Frau bin. Ich weiß, wer ich bin und wo ich her komme. Und doch vergesse ich immer wieder, wie so viele vergesse ich einfach immer wieder. Deshalb möchte ich diese Geschichte erzählen, dass ich nie wieder vergesse und dass du nie wieder vergisst.

Sie schläft friedlich tief in der Erde, in der Höhle des Bären, das kleine, junge, zarte Menschlein, dass sie ist. Rein, unschuldig, ihr Wesen in tiefem Frieden, eins mit sich, eins mit der Erde, eins mit allen Wesen. Heil ist die Welt in ihr, heil ist die Welt um sie herum, die Natur erstrahlt in voller Blüte, im prächtigsten Frühlingsgrün und breitet ihre Schönheit voll aus. Alle Wesen feiern das Fest des Lebens, das Fest der Schöpfung und des Lichts. Alles leuchtet in all seiner Kraft, all seiner Stärke und Schönheit. ...Autoreifen quietschen, ein dumpfer Schlag. Sie wacht auf. Sie ist im Krieg, sie ist in der Stadt, sie liegt auf der Straße, mitten auf der Kreuzung. Sie kann sich nicht wehren gegen die Menschen, die in sie eindringen und doch nur an ihr vorbeilaufen, sie kann sich nicht wehren gegen all die Lichtstrahlen und Blinktafeln und Werbung und Funk und Handy und… zuviel. Sie hat ihre Höhle verlassen müssen, das reine unschuldige Wesen, dass sie ist, ist nun verschwunden und in ihr macht sich alles Kranke breit, was sonst wo keinen Platz findet und umherschwirrt und Raum sucht. Der Wahnsinn der Erde schaut mit leuchtenden, funkelnden, wirren Augen aus ihr heraus. Sie kommt aus einer Welt, einer heilen Welt. Eigentlich kommt sie aus dieser Welt hier und findet sich nicht mehr zurecht. Als wäre sie in einer falschen Dimension gelandet. Sie kennt die Welt, die sich noch nicht so weit von ihrem Kern entfernt hat. Als wären die Dinge verschoben worden. Als hätte sich die Welt von ihrem ursprünglichen Plan, von ihrer ursprünglichen Bahn gelöst. Was sie nicht weiß, ist dass ihr Schmerz der Schmerz vieler ist, vieler vieler Menschen hier auf der ganzen Erde. So viele sind schon so weit weg. So weit weg von sich, von ihrer Kraft, ihrer Stärke und das Urvertrauen ist gebrochen, viele viele sind gebrochen, scheinbar gebrochen und haben sich ergeben den Gesetzen, den Unterordungen. Wer von den Menschen hört noch den Klang seines Herzens, das Lied seiner Seele? Wer singt auf der Straße, wer tanzt im Regen.

Und auch sie wacht auf von ihrer langen Reise, von ihrer Ohnmacht, dem langen tiefen Schlaf und wundert sich, warum sie ihren Herzschlag nicht hören kann. Wundert sich, dass sie alles vergessen hat, ihr Lied verklungen. An all das kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie hat vergessen warum sie traurig ist. Sie hat vergessen wo sie her kommt. Sie hat vergessen wer sie ist. Sie ist krank, schwer krank. Krebs nennen sie es hier. Sie nennt es schreckliches Heimweh, obwohl sie selbst nicht weiß wieso das so ist, wieso das so weh tut. Sie ist aufgewacht und während sie geschlafen hat, hat sich die Welt zu einem Alptraum entwickelt. Sie ist aufgewacht. Sie spürt den Herzschlag der Erde. Sie spürt die Unruhen in der Erde drinnen. Sie spürt die Menschen, die auf dem wundervollen Planeten leben. Sie spürt ihren eigenen Herzschlag verbunden mit allem was ist und sie zerspringt. Ihr Herz ist ein Feuerwerk, sie ist ein Feuerwerk, denn sie hat das Fließen noch nicht gelernt, das Fließen lassen. Sie hält fest an den Dingen die sie spürt und dann explodiert sie einfach so und findet sich Tage später wieder zerstreut in alle Winde. Hat die Welt gespürt und sich selbst verloren. Und ihr Atem, der aus ihr herausströmt, nährt das Universum, fließend aus der Erde heraus geboren. Sie will die Augen nicht öffnen, dann stirbt eine Welt oder in ihr stirbt die Hoffnung.

Ein reines Herz, jeder Mensch hat ein reines Herz – schließe deine Augen und stelle dir vor, jeder Mensch würde aus seinem reinen Herzen leben, stelle dir vor, wie du auf die Straße gehst und den Menschen aus reinem Herzen begegnest. Es ist Frühling. Es bleibt Frühling. Es wird nicht mehr eisig in den Herzen. Kein Lug und Trug mehr, keine Masken, kein Spiel. Respekt begegnet dir, denn der andere weiß, wer er ist und er weiß, wer du bist. Die Wesen die sich da auf der Straße begegnen erkennen sich. Es gibt keinen Grund mehr Versteck zu spielen. Es gibt nichts, was man verstecken müsste. Denn der andere kann dich sehen und begegnet allem was er sieht mit offenem Herzen. Es gibt keine Schuld und keine Schande. Es gibt Ursache und Wirkung. Das Spiel des Krieges ist aus, enttarnt, das Spiel der Opfer und Täter. Respekt allem Leben fließt rein in die Herzen.

Sie liegt auf der Erde, über ihr der Condor, weit oben in der Luft kreist er. Greifvögel aller Art, gerufen von ihm, landen auf ihrem Körper und fressen aus ihrem Unterleib, fressen aus ihrer Lunge, aus ihrem Herzen, fressen, das was sich angesammelt hat an Dreck und Schleim und Hass und Wut und Verzweiflung und Wahnsinn und Tod und Hoffnungslosigkeit und Angst und Einsamkeit, Verlassenalleinesein, der Krieg der Erde, der Krieg der Menschen über Macht und Ohnmacht, beherrscht sein und beherrschen wollen, der sich in ihrem Körper als Krankheit manifestierte.

Sie stirbt einen weiteren Tod.

Das ist das Leben mit den meisten Toden, denkt sie und schließt die Augen und lässt die Vögel, die Boten der Luft, die Boten der Weisheit ihre Arbeit tun und steht nicht mehr im Weg."

aus der Feder von (c) Sarah Mareike Kirsch im April 2012