Seiltänzer

 

Er weiß, er schafft es.

Sonst würde er nicht loslaufen,

so ohne doppelten Boden.

Er will ja nicht sterben oder sich selbst zum Krüppel machen.

Nein, das will er nicht.

Doch der Gedanke ist da – ist Freund

nicht abschreckend- nicht beunruhigend.

Der Gedanke Tod ist Freund.

Er läuft mit und gibt die nötige Ruhe.

Den Tod mit sich tragen im Moment größter Lebendigkeit.

 

Er schafft’s, denn er weiß, er ist ein Seiltänzer.

Und der Weg geht durch die Luft.

Ein Pfad – von niemandem betreten bisher.

Keine Spuren in die er seine Füße bettet,

sondern Luft – ein Hauch von nichts

wenn kein Wind bläst.

 

Der Weg auf der Erde durch die Luft

Schritt nach Schritt nach Schritt

und drehen manchmal

und rückwärts manchmal

und tanzen manchmal

und springen

und singen

und Wowww

 

und manchmal fallen, stürzen

und der kleine Finger hält

und der Hut fällt

in die Tiefe

 

und irgendwo her kommt eine Hand aus dem Himmel

ein fester Tritt aus der Erde

und da ist er wieder

Füße in der Luft auf dem Seil

den Körper aufgerichtet

 

aufatmen durchatmen

 

und durch seine Augen strahlt die Sonne, lodert das Feuer

und er hebt den Fuß für den nächsten Schritt.

 

Und der Tod schaut zu ihm rüber, lächelt ihm zu, schüttelt mit dem Kopf

und sagt 'noch nicht'.

Und der Seiltänzer spürt sein Herz schlagen,

spürt die Lebendigkeit in jeder Zelle seines Körpers,

lächelt

aus der Tiefe seines Herzens zurück

und sagt 'Danke'

 

und geht pfeifend weiter durch die Luft über das Seil.

 

(c) Sarah Mareike Kirsch